Am Ende des Gotthard-Tunnels beginnt das Levinental, auf italienisch Leventina.
Ein sehr schmales Tal, das meist nur schnell auf dem Weg in den Süden durchfahren wird, obwohl es doch so viel Schönes zu bieten hat. Es beeindruckt landschaftlich als auch kulturhistorisch und erstreckt sich entlang dem Fluss Ticino bis hin zum Städtchen Biasca. Auf diesen 40 Kilometern kommt man an dem besterhaltendsten alten Dorf Giornico vorbei, wo man definitiv einen Stopp einlegen sollte.
Und wie praktisch es ist, dort auch einen Stellplatz von PlaceToBee vorzufinden. Gastgeber sind hier Renate Süess und Corrado Bettoni, die das gleichnamige Weingut Bettoni bewirtschaften.


Das für die Schweiz historisch bedeutende Dorf Giornico wird durch den Fluss zweigeteilt und erst bei einem Spaziergang durch die kleinen Gassen eröffnen sich einem die prächtigen Bauten aus der Romanik. Im Jahr 1478 besiegten hier die Eidgenossen die Mailänder, wodurch sie dann den Gotthardpass kontrollieren konnten. In den Sommermonaten kann man hier die längste historische Strasse der Schweiz, die Tremola entlangfahren, deren Aufstieg an der Südseite des Passes eindrucksvolle Panoramen eröffnet. Egal ob man der Passstrasse oder dem Tunnel folgt, man gelangt nach Giornico.
Giornico – ein bedeutendes Dorf der Schweizer Geschichte
Das Haus von Renate und Corrado liegt gleich neben dem Casa Stanga. Ein Gebäude verziert mit wunderschönen Familienwappen der Pilgerreisenden aus der Vergangenheit. In dem angrenzenden alten Gebäudekomplex befindet sich das Museum der Leventina, welches die Geschichte des Tals erzählt.
Durch die schmale Gasse, welche von Flieder gesäumt ist, gelangt man zu einer der beiden Bogenbrücken, die zur Insel auf der anderen Uferseite führt. Dort befindet sich auch die Kirche San Nicola aus dem 12. Jahrhundert. Der wohl berühmteste Bau.


Die beeindruckende strenge Architektur mit ihrem massiven fast kubistisch wirkenden Turm und dem Kirchenschiff ist ein Zeugnis der Romanik im Tessin. Sie ragt förmlich aus den umliegenden Weinbergen heraus und buhlt um die Imposanz der dahinterliegenden Berge. Doch Giornico wartet mit sechs weiteren Sakralbauten auf, die man gut zu Fuss rund um das Dorf besuchen kann. Auf dieser kleinen Insel befindet sich auch der Weinkeller der Bettonis, wo der Traubensaft teilweise bis zu 10 Jahren zu wundervollen Weinen heranreift.
Auf der rechten Flussseite findet man den alten Dorfkern mit vielen alten Winzerhäusern, die sich entlang von schmalen Gassen in die Weinberge empor schlängeln. Zwischen ihnen findet man kleine Parzellen, die mit Reben bepflanzt sind oder gemütliche Gärtchen, in denen sich die sogenannten Grottos befinden.


Und genau hier liegt auch der Stellplatz, zu dem mich Renate lotst, nachdem wir uns bei ihr getroffen haben. Der schmale Weg durch die Reben ist nur für kleinere Busse (< 6 Meter) befahrbar und führt bergauf, vorbei an einem kleinen Brunnen bis zu einem Bänkchen. Und von hier aus hat man einen grandiosen Ausblick auf das gesamte Dorf und die geschilderten Bauten, Sehenswürdigkeiten, Winzerhäuser und Gärten und das gegenüberliegende Bergmassiv.

Heute ist es umhangen von einigen schweren Wolken, die sich über das Tal ergiessen.
Nachdem mich Renate eingewiesen hat, lädt sie mich am Abend ein, um auch Corrado kennenzulernen. Ich fühle mich geehrt und nehme die Einladung dankend an.
Ein paar Stunden später befinde ich mich in dem Haus aus dem 15. Jahrhundert, das ich zuvor noch von aussen bestaunt habe. Es gehörte schon Corrados Grossmutter.
Von draussen auf der Veranda duftet es würzig und herrlich nach frischem Gemüse und Fleisch. Renate begrüsst mich und bittet mich hinein. Ich habe mich sofort in das Interieur verliebt. Sehr sehr alt trifft auf sehr modern. Ich frage Renate, wer das Haus so schön umgestaltet hat. „Corrado!“. Denn neben seinen logisch-mathematischen Fähigkeiten aus seinem Studium, stellt er sein Können auch als Dachdecker unter Beweis. Er lebt schon sein gesamtes Leben in diesem Haus (mit Ausnahme von der Absenz während seines Mathematikstudiums in Zürich) und bewirtschaftete das Gut schon gemeinsam mit seinem Vater, der 1969 die Rebstöcke pflanzte. Gerade in diesem Augenblick kommt Corrado zur Tür herein.
Der Mann und der Wein
Das ist also der Namensgeber des Weinguts. Und mitunter der Grund, warum Renate vor 30 Jahren das Aargau verlassen hat. Renate studierte Biologie und Sport in Zürich und arbeitete als Lehrerin. Es war wohl nicht schwer, sie zu überzeugen ins Tessin zu zügeln. Ihrem gemeinsamen Hobby, das Klettern und Bouldern, kann man auch wunderbar hier und im nahegelegenen Valle Verzasca nachgehen. Und als Biologin kennt sie sich mit Flora und Fauna bestens aus und hat dieses Wissen später in das Studium zur Weintechnologin und Winzerin einfliessen lassen.


So folgte sie ihrem Bauchgefühl und bis heute ist sie glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben. Ihr gefällt die Arbeit in den Weinbergen, vor allem die Art und Weise, wie die beiden ihre Reben und Trauben hegen und pflegen und „die Natur in ihrer Gesamtheit respektieren“. Die 2 Hektaren werden von Hand bewirtschaftet. Sie verstehen sich als „Handwerker und Bergweinbauern, mit Vergangenheit und Gegenwart“. Das gelungene Zusammenspiel aus Klima, Boden und Persönlichkeit des Winzers führt zu ihren einzigartigen Weinen. Corrado nennt sie „Weine mit Ecken und Kanten“. Denn so wie das Tessin nicht nur sonnerverwöhnt ist, sondern ebenso rau und gebirgig mit seinen ganz speziellen Reizen.
So entstehen jedes Jahr Weine, die immer unterschiedlich schmecken, je nach den natürlichen Bedingungen, in denen die Trauben Merlot, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Bondola und Sauvignon Blanc herangewachsen sind.
Eine der Besonderheiten: ein Grossteil der Trauben wächst auf der traditionellen Pergola. Renate erklärt mir den Unterschied und welche natürlichen Vorteile dies gegenüber dem Wachstum an Drahtrahmen hat. Die Blätter schützen die Trauben vor zu direkter Sonneneinstrahlung oder schweren Regentropfen und die Trauben erhalten tagsüber einen konstanten Lichteinfall. All dies begünstigt eine gleichmässige Entwicklung jeder einzelnen Beere und damit einem reinen und intensiven Geschmack. Auch das hohe Alter der Rebstöcke trägt dazu bei, weniger aber dafür süssere und gehaltvollere Früchte zu tragen. Ihre langen Wurzeln können mehr Mineralien aus den Tiefen des Boden aufnehmen.
Die Gassen zwischen den Rebstöcken werden gemulcht, sodass die Rebstöcke ihre Nährstoffe aus einem organismusreichen Boden beziehen können. „Der Rebstock liebt Boden mit vielfältigem gesundem Bewuchs.“ sagt Renate liebevoll. „Abwechslungsreiche Flora zieht Insekten an und schützt den Rebberg vor Schädlingen.“
Alle Trauben werden handverlesen und direkt am Rebstock sorgfältig ausgewählt. In ihrem Weinkeller können sie in aller Ruhe (bis zu 10 Jahren!) in Eichenfässern oder Kastanienfässern gären und reifen.
Das Ergebnis sind grossartige Weiss- und Rotweine mit wunderschönen Etiketten und einer liebevollen Namensgebung in italienischen und Tessiner Dialekten. So zum Beispiel Nöda oder Tòpia.
Renate und Corrado legen besonders viel Wert auf eine Ertragsbeschränkung zum Wohl der Rebstöcke. Das führt teilweise dazu, dass spezielle Weine der rund jährlichen 6000 bis 8000 Flaschen ausverkauft sind. Man kann sich aber via Warteliste informieren lassen, wann der nächste gute Tropfen wieder zum Genuss bereit steht. Also ist mein Tipp: wenn man vor Ort ist, gleich die ein oder andere Flasche mitnehmen. Renate und Corrado freuen sich, wenn Place To Bee Besucher einen Schluck Tessin mit nach Hause nehmen oder auf ihrem wunderschönen Stellplatz gleich geniessen.