Mutterkühe und Frauenpower im Thurgau

Mutterkühe und Frauenpower im Thurgau

Ich wache unter einem purpurfarbenen Himmel auf. Die Sonne zeigt sich ohne Wolken am Himmel und eröffnet einen Blick auf die majestätische Berglandschaft der Schweiz. Ich treffe Susanna von dem Trotten-Hof zu einem morgendlichen Kaffee mit einem Osterguezli, welches sie selbst gebacken hat.

Doch bevor wir uns hinsetzen, müssen wir schnell noch in den Stall und schauen, ob Lucy „geworfen“ hat. In diesen Tagen erwartet sie ein Kalb. Ein anderes Junges saugt hungrig an seiner Mutterkuh.
Und wenn wir schon einmal im Stall sind, können auch gleich die anderen Tiere gefüttert werden. Susanna betreut neun Mutterkühe und die dazugehörigen Kälber. Doch das ist nicht alles. Seit dem plötzlichen Ableben ihres Mannes vor zwei Jahren bewirtschaftet Susanna den Hof alleine. Dazu gehören neben den Kühen diverse Getreide- und Maisfelder, unterschiedliche Obstbäume und die 78 Are Reben. Sie erzählt, wie sich von einen auf den anderen Tag alles veränderte und sie allein die Verantwortung trug. Doch viel Tatkraft hat sie sich dieser Aufgabe gestellt hat. Diese beinhaltet das Management zur Bestellung, Bewirtschaftung und Ernte der Felder und die Mutterkuhhaltung, sondern auch das Lädeli mit Kioskwirtschaft. Und danach folgt ebenso noch die Weiterverarbeitung der Produkte. Backen, Konfis einkochen, Verpacken und Verkaufen.

Ich frage mich, woher diese Frau all die Energie und Zeit nimmt. „Hingabe, Leidenschaft und Herzblut in Andenken an meinen Mann“, so lautet ihre Antwort. So tragisch dieses Schicksal war, so sehr ist sie dankbar für die Möglichkeit, Neues zu lernen, sich neu zu entdecken und Erfahrungen zu sammeln, die ihr Leben bereichern.

Neues wird geboren

Susanna macht sich Gedanken über die Zukunft. Es liegt ihr am Herzen, den Hof zu erhalten und den Menschen, die hier vorbeikommen, das Beste vom Besten zu fairen Preisen zu offerieren. Ein Blick auf die Preistafel verrät mir, dass die Preise mit denen in Supermärkten mithalten können – aber mit besserer Qualität und aus lokalem und natürlichem Anbau.

So erklärt sie mir den Unterschied bei ihrer Mutterkuhzucht. Die Kälber verbleiben bei ihrer Mutter und werden auch von dieser mit Kuhmilch genährt und im Kreise der Herde aufgezogen. „Das ist das natürlichste Verfahren.“ Alle Kühe haben Namen und sie weiss, was sie gerne haben und was ihnen gut tut. Sie habe eine gute Intuition, nicht nur, was die Tiere betrifft, sondern auch für Menschen und sich selbst. Die Arbeit gibt ihr viel und „das Herz geht ihr auf“, wenn sie zu Fuss oder mit dem Velo durch die Felder oder Weinbergen streift. Beim Wort Velo schwärmt Susanna von den kurzen oder längeren Velotouren, die sie ab und zu macht, wenn es die Zeit erlaubt. (Ich frage mich, ob Susanna’s Woche wohl acht Tage hat?!) Ihre Augen leuchten auf, als ich ihr von der Vulkaninsel Lanzarote erzähle, wo endlos lange Radwege durch Vulkanlandschaften führen und der Wein auf dem mineralischen Boden in einer ganz besonderen Art angebaut wird.

Man meint, ein Feuerwerk weiterer Ideen geht in ihrem Kopf los und sie berichtet mir, dass sie hin und wieder auch gerne Dekorationsartikel bastelt. Zum Beispiel Zuckerspender aus alten Weckgläsern oder Aufbewahrungsgläser mit hübschen, bunten Knöpfen. In ihrem Lädeli bietet sie diese ebenfalls an, genauso wie die schönen getrockneten und verzierten Kränze, die sie mit einer Freundin zusammen gestaltet.

Weindegustationen mit ausgewählten Weinen

Derzeit ist sie dabei, neue Pläne zu schmieden, denn an Ideen mangelt es ihr nicht. Einige der Felder möchte sie gerne verpachten, um dann wieder mehr zu backen und mehr Weindegustationen anzubieten. Die Weine sind aus besonderen Rebsorten hergestellt. Aus Pinot Noir und einem kleinen Anteil Dornfelder kommt ein schöner Cuvée hervor. Aus der Cabernet-Jura Traube wird ein fruchtig-frischer Rosé. Endlich kann ich meine Frage stellen: „Wie kommt eigentlich ein Rosé zu seiner Farbe? Handelt es sich um eine eigene Traubensorte?“ Aber Susanna erklärt mir, dass beim Roten die Maische länger im eigenen Saft liegen bleibt und somit unter anderem mehr Farbe aus der Schale zieht als wie beim Rosé. (Anm. des Verfassers: Maische ist das Gemisch aus Traubenfleisch, Traubenkernen, Schale und dem Traubensaft.)

So entstehen auf den 78 Aren Weinbergen insgesamt rund 6000 bis 7000 Liter Wein, auch weisser Souvignier Gris und Wyssherbscht ist dabei. Für eine Degustation ist es heute aber noch zu früh, sind wir doch noch gerade noch beim Z’Morge.

So sitzen wir in der Morgensonne auf der kleinen Terrasse des Lädelis, welches auch als Kioskwirtschaft dient. Wanderer, Velofahrer und andere Besucher, die vorbeikommen, können hier tagsüber Weine degustieren, Montag bis Sonntag Geräuchertes, Wurst und Brot auf dem Speckbrettli genossen werden und dabei den Blick über die endlose Weite schweifen lassen. Dazu passt hervorragend der selbstgemachte Birnen-Senf Dipp.

Die ersten Besucher kommen und holen den bestellten Wyssherbscht ab und auch die Tiere müssen hinaus auf die Wiese. Ich begleite sie ein Stück und gehe den Feldern entlang auf die Anhöhe, wo sich ein toller Aussichtspunkt befindet. Auf einer Tafel sind diverse Berge verzeichnet, die man von hier aus bei gutem Wetter und klaren Sichtverhältnissen sehen kann. Eine spezielle Konstruktion zeigt beim Hindurchschauen genau auf den Gipfel und auf der Tafel findet man passend dazu die Höhenangabe. Heute entdecke ich den Säntis und kann bis zum Eiger, Mönch und der Jungfrau sehen. Diese Bild wirkt fast surreal, Bergeketten mit schneebedeckten Wipfeln, die das satte Grün der Wiesen umrahmen.
Mittlerweile sind auch die Vögel erwacht und zwitschern muntern vor sich hin und durchbrechen die morgendliche Stille. In der Nacht war es mucksmäuschenstill, man konnte nicht einmal hören, wie sich hier Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Solch eine Stille ist sehr selten. Deshalb werde ich sie noch ein wenig geniessen, in der Frühlingssonne, auf dem Bänkchen unter der alten Eiche mit Blick auf die atemberaubende Landschaft und auf diesen wunderschönen Stellplatz.

Wie alle Landwirte und Landwirtinnen, die ich bislang kennengelernt habe, freut sie sich, wenn sich mehr Leute für das Thema und die Vorteile der lokalen Landwirtschaft interessieren und davon profitieren – der Umwelt zuliebe, aber ganz besonders auch ihrer Gesundheit zuliebe.

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